Nicaragua – Ein Land im Chaos

Nicaragua – Ein Land im Chaos

Aktuelle Situation im Land
Nach Hawaii freuten wir uns riesig auf den zweiten Teil unserer Reise. Vor allem weil wir es kaum erwarten konnten Spanisch zu lernen und unser Duo Lingo Spanisch anzuwenden. Auch wird es jetzt spannender, da wir in schwach entwickelten Ländern sein werden, in welchen die grosse Mehrheit kein Englisch spricht und nicht alles einfach funktioniert. Knapp nachdem wir den Flug gebucht hatten im April, gab es in Nicaragua friedliche Proteste der Bevölkerung gegen den Präsidenten Daniel Ortega. Die Proteste wurden ausgelöst, als der Präsident die Renten kürzen wollte. Gleich nach Ausbruch der Proteste nahm er die Änderungen zurück aber der Schaden war schon angerichtet, da die Bevölkerung (wie in so vielen Latinamerikanischen Ländern) genug von Korruption und Vetternwirtschaft hatte. Zudem hatte Präsident Ortega schleichend die demokratischen Institutionen ausgehöhlt und eine inoffizielle Diktatur errichtet.
Nicaragua ist das zweitärmste Land Zentralamerikas. Trotzdem hatte es eines der effektivsten Polizeisysteme, da dieses nicht der Regierung unterstellt war. Präsident Ortega hatte das System aber umgekrempelt und wieder die Kontrolle übernommen, was natürlich zu Korruption geführt hatte. Auch wollte er seine Frau (momentane Vizepräsidentin) in Zukunft als Präsidentin einsetzen, damit er länger an der Macht bleiben kann. Das Abschaffen der demokratischen Institutionen fand schon seit längerer Zeit statt, wurde aber von der Bevölkerung geduldet, da das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte (durch den Handel mit den USA und gratis Öllieferungen von Venezuela). Eine weitere Macht in Nicaragua, die Kirche, wurde besänftigt mit einem der schärfsten Abtreibungsrechte der Welt (so viel zum Glauben an Gott).
Als es dann nach der versuchten Rentenreformation zu Demonstrationen kam, versuchte Präsident Ortega zuerst die Gemüter zu beruhigen, indem er sie sogleich wieder rückgängig machen liess, doch der Schaden war bereits angerichtet, der Funken war gesprungen und das Feuer erzündet. Nachdem die Demonstrationen gegen den Präsidenten und seine Gattin weitergingen, setzte er die Polizei und angeheuerte Paramilitärs ein, um friedliche Demonstranten (Jugendliche, Studenten, Familien, Senioren) gezielt zu exekutieren. Diese angeordneten Exekutionen werden von Ortega natürlich verneint, doch unabhängige Beobachter und Bilder von Scharfschützen der Polizei auf Häuserdächern sind Zeugen von der Skrupellosigkeit des Vorgehens der Polizei.
https://www.nzz.ch/meinung/eine-menschengemachte-tragoedie-in-nicaragua-ld.1401242

Unsere Ankunft in der Hauptstadt Managua
Nun kommen wir ins „Spiel“. Wir wussten von den friedvollen Demonstrationen und dass es eigentlich relativ friedlich und sicher zum Reisen ist, wenn man denn Menschenaufläufe meidet. Auch wussten wir, dass die Kriminalität hoch ist und man abends nur mit dem Taxi unterwegs sein soll. Das EDA hat die Lage als schwierig eingeschätzt aber keine Reisewarnung ausgesprochen (auch jetzt noch nicht), im Gegensatz zu Deutschland , Australien und der USA (die aber eher paranoid sind und auch überall mitmischen). Wir haben uns also Entschlossen, trotz den Demonstrationen und Unruhen im Land nach Nicaragua zu reisen. Somit kamen wir nach zwei Flügen von Honolulu via Houston (ein sehr moderner Flughafen) erschöpft in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, an.
Bei unserer Ausreise in Honolulu waren wir wieder einmal überrascht ab dem Drittwelt Flughafen von Hawaii. Obwohl die Insel sehr teuer ist, ist der Flughafen fast schon antik um nicht zu sagen heruntergekommen.
Da wir nach dem langen Flug einfach nur sicher zum Hotel kommen wollten, hatten wir uns einen Transport vom Hotel in Managua organisieren lassen und wurden dort direkt von einem Fahrer abgeholt. Dies ist auch der sicherste Weg am Ziel anzukommen. In Managua gibt es viele inoffizielle Taxis, die zwar nicht zwingend bös sind aber das Risiko ein schwarzes Schaf zu erwischen ist halt doch einiges höher als in der Schweiz. 🙂 An der Rezeption wurde nur Spanisch gesprochen und wir unternahmen unsere ersten peinlichen Spanischversuche kombiniert mit wild gestikulierenden Händen und Füssen, um uns zu erkunden, welche Regionen denn gefährlich sind. Eine kleine Negation im Satz, die man nicht versteht, kann dann alles anders aussehen lassen. Wir haben uns dann jeweils nochmals neu erkundet, wenn wir zu einem bestimmten Restaurant laufen wollten. Ein simples „si“ oder „no“ war halt schon einfacher zu verstehen als die Beschreibungen von Richtungen und Regionen.

Bezahlen und Trinkgeld (oder: mundäne Alltagsprobleme verstärkt durch eine Sprachbarriere)
Da wir am Abend unserer Ankunft am Verhungern waren erkundigten wir uns nach einem Restaurant und fanden einen sehr guten Italiener. Wir hatten nur Dollar, da man in Nicaragua grössere Beträge (wie zum Beispiel Hotelübernachtungen) damit bezahlt. Rückgeld kriegt man jedoch in der Lokalwährung (dem Cordoba). Für den Kellner ist das Trinkgeld von 10% sehr wichtig, da dies ein Bestandteil seines Lohnes ist. Da wir es verpeilten mit dem Umrechnungskurs (Preise in Cordoba, bezahlt in USD, Rückgeld in Cordoba), waren wir uns am Schluss nicht sicher, ob das Trinkgeld nun schon inklusive war oder nicht (meistens wird es gleich in den Endbetrag miteinberechnet). Der Kellner fragte uns sogar noch, ob der Service denn gut war, doch auch mit diesem Hinweis haben wir es nicht geschnallt. Auf halbem Weg zurück ins Hotel (nach einigem Diskutieren und Kopfrechnen und Abschätzungen mit dem aktuellen Umrechnungskurs zum Dollar) waren wir dann übereugt, dass wir ihm wahrscheinlich kein Trinkgeld gegeben hatten. Also gingen wir zurück und gaben es ihm noch. Ein peinlicher Einstand schon mal. Und ja, es wäre einiges einfacher gewesen, wenn wir direkt gefragt hätten, ob er es bereits einberechnet hatte, doch das getrauten wir uns mit unserem limitierten Spanisch noch nicht.

Sightseeing in Managua
Tags darauf gingen wir mit dem Taxi ins Zentrum, da wir sonst durch einige heikle Regionen hätten laufen müssen. Wahrscheinlich ginge das am Tag schon aber man sollte sich dann nicht verlaufen. Wir fuhren zu einem speziellen Bereich (Puerto Salvador Allende) am Lago Xolotlán, in welchem es viele Restaurants hatte. Für den Eintritt zahlt man umgerechnet ca. 10 Rappen, dafür ist der Bereich geschützt. Unter der Woche ist er allerdings schon normalerweise dünn besucht. Mit den momentanen Protesten war es allerdings komplett ausgestorben, die Zahl der anderen Touristen liess sich an einer Hand abzählen.
Wir genossen dann ein riesiges und günstiges lokales Mittagessen und spazierten danach zu einer berühmten Kirche ausserhalb des geschützten Bereiches aber immer noch in einem sicheren Viertel und an einer belebten Strasse. Die Hitze machte uns ziemlich zu schaffen (Mittagszeit und 40 Grad). Wir sahen noch ein oder zwei andere Touristen, die auch erfreut waren Nicht-Einheimische zu sehen. 🙂 Um der Hitze ein bisschen zu entkommen, entschieden wir uns spontan in ein historisches Museum zu gehen. Im Eintrittspreis von 5 USD war eine englischsprechende Führerin inklusive, die wir gerne in Anspruch nahmen (was für ein Fehler). Voller Enthusiasmus zeigte sie uns während 2 Stunden Knochen und Tontöpfe, die sich je nach Epoche um jeweils ein kleines Detail unterschieden. Auch wurden wir ermutigt Fotos zu machen. Das ganze wurde durch moderne Kunst abgerundet. Ohne Reiseführerin wären wir nach 15 Minuten wieder draussen gewesen. Lustig war noch, dass sie jeweils bei jedem neuen Raum, den wir betraten, das Licht anschalten musste, da das Museum ausser uns keinen einzigen Besucher hatte. Danach waren wir ziemlich fertig und kauften uns bei einem Strassenhändler ein Wasser. Unser eigentlicher Plan war, zu einem Supermarkt zu laufen, allerdings hätten wir dann den Rotonda Hugo Chavez queren müssen und dort lief gerade ein Pro-Regierungsprotest (und solche Menschenansammlungen sollte man um jeden Preis meiden). Die Menschen auf der Strasse, welche wir fragte, wer da genau demonstriert, bezeichneten die Demonstranten als Kriminelle. Weil wir keinen Weg rundherum wussten (die kleinen Strassen sollte man auch nicht nehmen), nahmen wir uns das nächst beste Taxi zurück zum Hotel (direkt ab der Strasse, wie man es eigentlich nicht tun sollte, jedoch mit rotem Nummernschild, was auf ein offizielles Taxi hindeutet). Es dauerte etwa 10 Minuten bis wir eins fanden, obwohl uns vorher alle 30 Sekunden eines angehupt hatte. Die Fahrt ins Hotel kostete uns nur ein paar wenige Franken, doch bei jeder Strassenunebenheit musste man fürchten, dass das schrottreife Taxi auseinanderfällt. Doch wir hatten Glück mit dem Taxifahrer und konnten uns sogar ein bisschen auf Spanisch und Englisch unterhalten. Er erzählte uns, dass durch die Proteste sein Tagesverdienst von 20 USD auf 7 USD gefallen war und man damit nicht mehr überleben kann. Eigentlich sei er am Studieren, müsse aber wieder Geld verdienen. Da lobt man sich die Schweiz wieder einmal. Trotzdem bettelte er uns nicht an und bedankte sich noch für das nette Gespräch. Für uns war es eindrücklich zu sehen, dass es immer zuerst die Ärmsten trifft. Ironischerweise sind es häufig genau diese Armen, die dann Despoten wählen, die an der Misere schuld sind oder es verschlimmern (siehe Russland, Türkei, USA, …).
Am nächsten Tag hingen wir im Hotel rum, da wir nicht wussten, was wir in Managua noch anschauen wollten und es uns auch viel zu heiss war. Auch planten wir unsere Weiterreise nach Granada, wo wir die Sprachschule gebucht hatten.

Unsere Ankunft in Granada
Am Sonntag fuhren wir mit einem privaten Transport nach Granada, da wir noch nicht sehr abenteuerlustig waren. Andererseits war die Busstation in der Nähe der Universität, in welcher die Proteste ausgebrochen waren. Also wäre es wohl Lotterie gewesen, ob die Busse überhaupt gefahren wären. Ein weiteres Problem waren die Strassensperren, die von den Demonstraten überall errichtet wurden. Damit wurde bezweckt, dass die ganze Bevölkerung litt bzw. aufgerüttelt wurde, da sich dadurch die Nahrung und das Benzin verknappte. Was wiederum zu noch grösseren Protesten führen sollte. Ausserdem waren die Sperren ein Mittel, um die Polizei und von der Regierung angeheuerte Paramilitärs aus ihren Vierteln raus zu halten. Touristen wurden normalerweise ohne Probleme durchgelassen. Leider gab es Trittbrettfahrer, die dann Sperren errichten, einzig um Geld abzukassieren. Unsere Fahrt verlief problemlos und unser Fahrer musste nur ein Mal etwas zahlen an einer Sperre und eine weitere umfahren in der Nähe der Stadt Masaya. Natürlich verirrte er sich noch ein bisschen aber er fand dann den Weg wieder nachdem er viele seiner Brüder um Hilfe gefragt hatte (die Leute sprach er alle mit hermano = Bruder an). In Granada konnten wir um 9 Uhr in der Früh gleich einchecken, da wir sowieso die einzigen Gäste des Hotels waren.
Wir liefen ein bisschen in der ausgestorbenen Touristenstadt herum. So richtig wohl war uns dabei nicht aber das lag in dem Moment mehr an uns als an der Situation. Wir fanden dann auch unsere Schule, die leider in einem etwas heruntergekommenen Viertel war. Ein Nicaraguaner fragte uns woher wir kommen und riet uns zur Vorsicht, als wir sagten, dass wir Schweizer sind. Grundsätzlich galt, dass man am Abend nur noch mit dem Taxi unterwegs ist. Dies klingt sehr gefährlich als Schweizer, ist aber in vielen Ländern normal.

Unsere Spanischschule: Casa Xalteva
Am Montag fuhren wir mit dem Taxi und unserem Gepäck direkt zur Schule, in welcher wir von Gerald (dem Organisator der Schüler – er ist auch der einzige, der Englisch spricht) begrüsst wurden. Aufgrund der Unruhen in Nicaragua hatte es ausser uns nur noch zwei andere Schüler in der Schule. Die Atmosphäre wirkte sehr familiär, auch weil die Schule sehr klein ist. Nach dem sich alle vorgestellt hatten, fing unser Unterricht gleich mit Maria (unserer Profesora) an. Sie redete in einfachem Spanisch mit uns und versuchte herauszufinden, was wir bereits wussten und was wir genau lernen möchten. Die 4 Stunden vergingen wie im Flug, waren aber auch sehr anstrengend, da man sich die ganze Zeit sehr stark konzentrieren musste. Ich war mir Gruppenunterricht gewohnt und da hat man häufig viel mehr Zeit, da es ein bisschen dauert bis alle folgen können oder bereit sind. Die Schule schien gezeichnet durch die Unruhen, da wir keine Unterlagen bekamen und auch der Kaffee nicht mehr inklusive war. Man muss aber auch sagen, dass die Preise extrem günstig waren mit 360 Dollar für 20 Stunden Unterricht in einer Woche für 2 Personen im Halbprivatunterricht. In der Pause lernten wir Juan Carlos, den Schuldirektor und unser Gastvater, kennen. Wir dachten es sei sicher eine gute Erfahrung, wenn wir den Lifestyle der Nicaraguaner kennenlernen und auch unser Spanisch noch ein bisschen praktizieren können. Das Gute war, dass er fast kein Englisch konnte und wir somit nur auf Spanisch mit ihm kommunizieren konnten. Er war uns auf Anhieb sympathisch und man merkte, dass er geübt war mit Ausländern und Spanischanfängern. Er redete nur im Präsens und machte uns darauf aufmerksam, dass wir es sofort sagen sollen, wenn wir die Familie wechseln möchten oder wir das Essen nicht mögen. Dies sei kein Problem für ihn und völlig normal. Nach der Schule liefen wir direkt zu seinem Haus, wo wir seine Frau Fatima und seine 3 mässig erzogenen Kindern kennenlernten. Die Familie war perfekt für uns, da die Sympathie stimmte und sie sich sehr grosse Mühe gaben mit uns zu sprechen (was wohl sehr anstrengend ist, wenn man nur einen sehr kleinen Wortschatz verwenden kann). Beim Mittagessen wurden wir noch positiv überrascht da Fatima traditionell und sehr gut kochte. Sie kochte auch extra Fleischersatz für Nadja, was schon fast zu viel des Guten war. Wir hätten es nicht besser treffen können und waren überglücklich. Sie machten uns darauf aufmerksam, dass es in diesem Quartier in der Nacht zu Kämpfen kommt und man vereinzelt Böller hört. Diese hörten wir schon am Tag zuvor in unserem Hotel aber dachten, dass es wohl irgend ein Feuerwerk eines Festes sei. Wir redeten noch ein bisschen mit ihnen über die Sicherheit und es wurde uns erklärt, dass wir nichts zu befürchten haben während dem Tag. Unser Zimmer war auf dem ersten Stock gleich hinter dem Wohnraum. Wir hatten Glück und sogar eine eigene Dusche. Die Wäsche machten sich noch von Hand ohne Maschine (mit Waschbrett und allem, so wie wir es nur noch aus den Mittelalterfilmen kennen).
Nach dem leckeren Mittagessen gingen wir einiges entspannter auf Erkundungstour und fanden auch gleich schönes Fitnesscenter, welches Monatsabos für 20 USD anbot. Somit war unser Start mehr als perfekt und wir fühlten uns extrem wohl, auch weil die Stadt nicht von Touristen überlaufen war.

Nachbarschaftskrieg im Viertel unserer Gastfamilie
Nach dem gemeinsamen Abendessen spielten wir noch ein bisschen Uno mit der Familie und sie erklärten uns die Situation in Nicaragua aus Sicht der Bevölkerung und dass sie die sture Haltung des Präsidenten als sehr frustrierend empfinden. Es scheinen sich alle einig zu sein, dass man den Präsidenten nicht mehr will und die Demonstrationen und Strassenblockaden ein notwendiges Übel sind. Der Kleinkrieg in der Nacht fand zwischen unserem Viertel und einem anderen statt, welches sich historisch gesehen nicht so gerne hatte. Der Konflikt wurde aber stärker, da die Regierung das andere Viertel mit Waffen ausrüstete. In der Nacht griffen diese dann mit Böllern, Steinen und sonst was an. Unser Viertel hatte mit den Pflastersteinen kleine Mauern zur Verteidigung gebaut und verwendete selbstgebaute kleine Böllerpistolen (keine Ahnung wie man die nennt). Bisher fand der Konflikt immer während der Nacht statt. Während dem Tag sah man lediglich die fehlenden Pflastersteine und die Mauern die gebaut wurden. Die Mauern nannten sie „tranques“ und sie verwendeten dafür alle Pflastersteine der Strassen, im Viertel gab es zu dieser Zeit somit nur noch Strassen aus Sand. Ansonsten war es aber komplett ruhig.

Eskalation
Am nächsten Morgen wurden wir um etwa 5 Uhr von einem lauten Knall geweckt. Irgendein Böller landete auf unserem Dach. Danach knallte es weiter. Um etwa 7 Uhr dachten wir schon, dass es aussergewöhnlich lange andauerte und es doch eigentlich am Morgen jeweils wieder aufhören sollte. Als wir dann mal unsere Zimmertüre öffneten, trafen wir auf Fatima. Sie erklärte uns, dass die Situation heute zu eskalieren scheint und wir weder in die Schule können, noch in die Wohnung, da einige Einheimische mit Gewehren rumlaufen und vielleicht scharf geschossen wird. Dann ist das Risiko von einem abgelenkten Schuss zu gross im Wohnzimmer, welches direkt an die Strasse grenzt. Zu unserem Pech hatte dann im Verlauf des Morgens ein Böller noch die Stromleitung getroffen und wir hatten keinen Strom mehr. Man muss aber auch sagen, dass die Stromleitungen sehr abenteuerlich verlegt sind. Diese lagen einfach offen über dem Dach und waren nicht in der Wand oder sonstwie geschützt. Juan Carlos hatte dann mit einem Besen ein bisschen an der Leitung herumgestochert, die einen Wackelkontakt zu haben schien. Glücklicherweise gab es ihm keinen Stromschlag aber es funktionierte danach trotzdem nicht. Wir waren natürlich ziemlich verunsichert, da wir nicht genau wussten, was genau abging und wir auch kein Internet hatten um uns selber zu informieren. Wahrscheinlich hätten wir aber sowieso keine Infos gefunden, denn nicht einmal unsere Gastfamilie hatte mit dem gerechnet und wusste genau gleich viel wie wir. Auch hatten sie keine Ahnung, wie lange der Strassenkampf andauern würde. Es wurde uns dann auch schlagartig bewusst, wie schnell eine Situation eskalieren konnte. Rückblickend ist es auch spannend zu sehen, dass während der ganzen Zeit Leute auf Facebook für Nicaragua Werbung machten und behaupteten, es wäre komplett sicher. Das war Granada auch, bis zu diesem verhängnisvollen Morgen.
Am Nachmittag hatte sich die Situation wieder ein bisschen beruhigt und wir durften wieder ins Wohnzimmer. Zum Glück war nichts passiert und alles war noch ganz. Da niemand wusste, was passiert war und wie sich die Situation entwickeln wird, riet uns die Familie, dass wir als ersten Schritt sicher mal die Familie wechseln sollten, in ein ruhigeres Quartier von Granada. Einerseits zu unserer Sicherheit, andererseits aber auch da sie selber sehr absorbiert waren mit der Situation und mit ihren Kindern. Also packten wir unsere Sachen und wollten uns auf den Weg machen. Draussen sahen wir etliche Personen mit leichten Verletzungen. Natürlich waren wir als Ausländer die Attraktion und bei der zweiten Kreuzung wurden wir gestoppt. Die Quartierbewohner erklärten unseren Gasteltern, dass es zu gefährlich wäre für uns die Familie zu wechseln, da wir mit unseren grossen Rucksäcken zu stark auffallen und es bereits Plünderungen gegeben hatte und wir ein zu grosses Ziel darstellten. Somit hiess es für die ganze Truppe Kommando rückwärts zurück zum Haus unserer Familie. Dort angekommen lieh uns der Nachbar Strom (via Kabel, dass er über die Hausmauer hängte) und wir kriegten auch wieder das Wifi zum Laufen. Viele Informationen, Bilder und Videos kriegten wir über Facebook und es war eindrücklich, wie wichtig das Medium zur Kommunikation für uns war. Die Einheimischen kommunizierten vor allem über Mund-zu-Mund und übers Telefon. Wir waren noch ziemlich hin- und hergerissen (ich, Nadja weniger), was wir genau tun sollten. Die Situation war (noch) nicht gefährlich für uns, aber man wusste nicht, was passieren würde. Es konnte sich normalisieren oder auch schlimmer werden. Sehr ungern wollte ich die Familie verlassen, da sie und die Schule eine Einkommensquelle verlieren würden und das Land eh schon durch die Unruhen gebeutelt war. Auch gefiel es uns sehr gut in Granada und wir hätten es perfekt mit der Familie getroffen, wenn die Unruhen nicht wären. Zudem schien es uns schon speziell, wenn auch nicht irrational, wenn wir einfach abhauen und die Familie mit den drei Kindern musste in der gefährliche Situation ausharren und konnte nicht einfach weg in ein besseres Leben. Wir entschieden uns aber trotzdem zu gehen, da dies wohl auch im Interesse der Familie und in unserem war. Über Facebook fanden wir einen Transport, den wir über WhatsApp organisierten. Als zahlungskräftiger Ausländer war auch in dieser Zeit alles möglich. Wir forderten, dass wir vom Haus im Quartier abgeholt wurden und machten auf die besondere Situation in unserem Viertel aufmerksam. Sofern alles ruhig war am nächsten Morgen, würden wir uns beim Chauffeur melden und sie würden uns um 5 Uhr abholen und in den sicheren Süden des Landes nach San Juan del Sur bringen.
Obwohl die Einheimischen nicht fotografiert werden wollten, fanden wir diverse Video und Bilder auf Facebook, die von den Ausschreitungen in Granada an diesem Tag zeugten. Als trauriger Höhepunkt starben zum ersten Mal seit Beginn der Demonstrationen im April zwei Jugendliche in Granada. Des weiteren geriet ein lokales Regierungsgebäude um die Mittagszeit in Brand, konnte aber später wieder gelöscht werden. Auch wurden der Supermarkt und verschiedene Geschäfte in unserer Nähe geplündert. Somit wurden auch die Nahrungsmittel knapper, was uns weiter bestärkte, Granada zu verlassen.

Unsere Abreise aus Granada nach San Juan del Sur (im ruhigeren Süden des Landes)
Pünktlich um 5 Uhr am nächsten Morgen klopfte es an unserer Tür und wir wurden vom Bruder des Fahrers abgeholt. Der Bruder hatte ausserdem noch zwei Bekannte dabei, die in unserem Viertel wohnten und somit die Jugendlichen kannten, die im Viertel kämpften. Somit konnten sie uns ohne Probleme durch die Absperrungen führen. Unsere Familie plauderte noch ein bisschen mit ihnen, um wahrscheinlich herauszufinden, ob sie keine Gauner waren. Dann verabschiedeten wir uns von unserer Gastfamilie. Sie wollten uns auch anteilsmässig Geld zurückgeben, was wir natürlich ablehnten, da das Geld für uns viel weniger Bedeutung hat als für sie. An diesem Morgen (und bereits die ganze Nacht) war es erstaunlich ruhig in unserem Viertel und auch unsere Fahrt nach San Juan del Sur verlief ziemlich ruhig. Wir mussten nur eine Stadt umfahren (auf holprigen Landstrassen, aber wir holten uns zum Glück keinen Platten) und kamen viel früher als erwartet in San Juan del Sur (SJDS) an. Ich war mir noch immer etwas unsicher, ob wir nicht zu früh abgereist waren aber im Nachhinein war es wohl die richtige Entscheidung, auch wenn es nach diesem verhängnisvollen Dienstag wieder ruhiger in Granada war und (soweit wir es wissen und aus der Ferne beurteilen können) noch ist.
In SJDS wurden wir zuerst ins falsche Hotel gebracht und waren überrascht ab dem Preis. Nach ein bisschen reden fanden wir heraus, dass es ein Hotel mit genau gleichem Namen in unserer Preisklasse gab. Der Security war so nett und lief mit uns dorthin. Trotz unseres lausigen Spanisch konnte ich noch ein bisschen mit ihm reden und er erklärte uns, dass es hier noch ziemlich ruhig sei. Es zeigte sich auch wieder, dass die Leute viel hilfsbereiter sind, wenn man ihre Sprache zu reden versucht.

Kurzer Aufenthalt in San Juan del Sur
Hier war es viel ruhiger und es hatte auch noch einige Touristen im Hostel. SJDS ist eine Surferstadt und dies war ursprünglich auch unser Plan nach Granada. Die Stadt war extrem auf Touris ausgerichtet und man hatte nur schon Mühe lokales Essen zu finden. Aber auch hier machten sich die fehlenden Transporte bemerkbar (Busse kamen wegen den Schranken nicht mehr durch) und das Benzin wurde knapp bzw. es gab keines mehr an den Tankstellen. Dies betraf aber interessanterweise nur öffentliche Verkehrsmittel. Die Einheimischen konnten immer irgendwie/irgendwo Benzin auftreiben. Unser Hostel offerierte einen Transport nach San José (Costa Rica), der aber leider am Nachmittag unserer Ankunft nicht mehr in Betrieb war, da sie kein Benzin mehr hatten. Glücklicherweise fanden wir mehrere andere Transportmöglichkeiten in der Stadt. Wir entschieden uns für den teureren, da wir uns einen komfortableren Bus erhofften (schlussendlich war es eine Spende, da wir abgezockt wurden). Die Fahrt von der Grenze nach San José würde immerhin 7 Stunden dauern und von San Juan del Sur zur Grenze ging es per Taxi. Normalerweise kann man einen Bus direkt von SJDS nehmen aber da sie nicht mehr von Norden her durchkamen, musste die Strecke bis an die Grenze im Auto zurückgelegt werden.

Unsere Ausreise aus Nicaragua und direkte Weiterfahrt nach San José (Haupstadt von Costa Rica)
Am nächsten Morgen ging es bereits weiter und wir wurden nach dem Morgenessen vom Taxi mit zwei weiteren amerikanischen Touristen abgeholt. Viele Airlines offerierten ein gratis Umbuchen des Flughafens. Somit änderten viele Touristen den Abflugort auf San José anstelle von Managua. An der Grenze mussten wir verschiedene „Gebühren“ and verschiedenen Schaltern zahlen. Auch speziell, die Währung musste USD sein, man durfte nicht in der lokalen Währung zahlen. Nadja ging glücklicherweise an den falschen Schalter (ein Schalter, der eigentlich nur für die Nicaraguaner bestimmt war) und kam problemlos durch. Ich musste an den Ausländerschalter und meine Gebühr war 4 USD (statt den 2 USD, die Nadja bezahlt hatte) auch konnte (wollte?) mir der Beamte kein Rückgeld geben. Zum Glück war Nadja schon durch, wusste den korrekten Preis und hatte auch ohne Probleme Rückgeld erhalten. Als ich dann fragte, warum es bei mir 4 statt 2 USD kosten würde, meinte er, dass sei der Preis für 2 Personen, er hätte einen Fehler gemacht. Natürlich würde es für mich alleine nur 2 USD kosten. Und ich konnte mit dem Rückgeld von Nadja bezahlen. Den beiden Amis aus unserem Taxi knöpfte er 20 USD ab, da sie nicht wechseln konnten.
Man könnte jetzt denken: „Es sind doch nur 2 USD, warum machte ich so ein Theater?“. Erstens kam das Geld der Regierung zu Gute, die die Bevölkerung terrorisierte (und es immer noch tut) und zweitens ermutigt man jedes Mal die „schlechten“ Personen Touristen abzuzocken, während die Ehrlichen weniger verdienen. Zudem hat es immer einen sehr fahlen Nachgeschmack und das Land wird weniger attraktiv und man muss aufpassen, dass man nicht die gesamte Bevölkerung in denselben Topf wirft und vorverurteilt. Diese Abzockerei hatte schon auf den Philippinen dazu geführt, dass wir nur noch mit Uber fuhren statt mit Taxis und somit ein Teil des Geldes bei den Amis landete, anstatt bei der lokalen Bevölkerung.
Die Einreise nach Costa Rica war gratis und wir mussten nur unseren Weiterflug zeigen. Interessanterweise wollen die Beamten auch immer unseren Beruf wissen. Nadja sagte Data Scientist und der Herr am Schalter verstand Designer… wieso auch nicht, ist mal was anderes. Korrigiert hatte sie ihn nicht. Um 11 Uhr sollten wir weiterfahren mit unserem Bus (der aus dem Norden von Nicaragua kommen sollte), doch leider kam dieser nicht an (was für eine Überraschung mit den Schranken im Land). Also wurden wir auf 12 Uhr vertröstet und hatten plötzlich eine andere Agentur und der Bus kam aus Costa Rica, nicht von Nicaragua. Immerhin hatte es auch ein paar Nicaraguaner und Costa Ricaner, die unsicher waren, was für einen Bus wir denn nun genau nehmen mussten, und wir liefen denen nach. Schliesslich klappte es ohne Probleme und wir fuhren knapp nach 12 Uhr los. Zu Beginn hatten wir Angst, dass unser Gepäck geklaut würde, aber es ging gut. (Ausserdem hätte ich gerne den gesehen, der versuchte mit unseren 20kg Rucksäcken davonzurennen. :D) Unterwegs nahmen wir noch diverse Personen mit, die kleine Teilstrecken fahren wollten. Das verzögerte unsere Reise weiter. Laut Werbung sollte der Bus direkt durchfahren, aber solange er ankommt ist man ja flexibel. Während der Überfahrt durften wir Costa Rica bestaunen. Verglichen mit Nicaragua ist es sehr amerikanisert, die Leute sprechen Englisch und man kann den gleichen Fastfood wie in den USA essen. Auch die Kette Walmart ist präsent. Da uns dies nicht so gut gefiel, bereuten wir unsere Entscheidung nicht, direkt nach Kolumbien weiterzufliegen.
Um etwa 8 Uhr abends kam unser Bus an einer Station irgendwo in San José an. Wir dachten schon, dass dies kritisch sei für unsere Weiterfahrt zum Hostel, aber es hatte 100 Taxis, die uns chauffieren wollten. Somit kamen wir nach einer kurzen Fahrt (in einem Taxi, dessen Motor stark nach einem Rasenmähermotor klang) bei unserem Hostel an. Dort war zum Glück die Rezeption noch besetzt. Wir organisierten unseren Transport um 5 Uhr morgens an den internationalen Flughafen und gingen nach einem kurzen Abendessen erschöpft schlafen.

Unser Flug nach Cartagena (Kolumbien)
Um 4 Uhr in der Früh klingelte der Wecker bereits wieder und um 5 Uhr gings dann schon wieder weiter zum Flughafen. Dankbarerweise erhielten wir im Hotel sogar noch ein paar Scheiben Toast und Marmelade als Frühstück. Der Flug nach Kolumbien via Panama verlief ohne Probleme und wir konnten dieses unglückliche (aber sehr erfahrungsreiche) Kapitel unserer Reise hinter uns lassen und ein neues Kapitel aufschlagen.

Rückblick auf unsere Erlebnisse in Nicaragua
Allerdings mussten wir feststellen, dass die physische Weiterreise einfacher ist als die mentale. Das Erlebte in Granada hat uns noch einige Tage danach beschäftigt und auch heute noch verfolgen wir die Nachrichten aus Nicaragua beinahe täglich. Am Anfang war es schon ein seltsames Gefühl, dass man als Tourist aus einem privilegierten Land einfach weiterreisen und die Situation hinter sich lassen konnte, während die Bevölkerung, die ebensowenig Schuld an der Situation hat, ausharren muss und keine Alternative hat. Unsere nicaraguanische Gastfamilie, die uns mit solcher Herzlichkeit und Offenheit empfangen hat, hat momentan kein Einkommen. So ergeht es allen, die in Nicaragua im Tourismussektor arbeiten. Aber auch in den anderen Sektoren sieht die Situation düster aus, die Wirtschaft ist erlahmt. Allerdings muss man auch sehen, dass der Präsident von mindestens 50% der Bevölkerung zu einem Zeitpunkt gewählt worden war. Das Land ist momentan in zwei extreme Lager gespalten, deren Forderungen nicht weiter auseinander liegen könnten. Somit sind ein Kompromis und ein Ende des Konfliktes zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.
Für uns hat es auch einen faden Beigeschmack, wenn auf Facebook noch Leute Werbung für Reisen nach Nicaragua machen und versichern, die Situation sei ruhig und die Lage in Ordnung. Natürlich wollen sie Geld verdienen, aber niemand weiss, wie sich die Situation entwickeln wird. Täglich werden noch Leute getötet, inhaftiert oder gefoltert. Als Tourist geht es meistens gut, aber wenn die Leute verzweifelt sind, kann sich auch das schnell ändern. Nach nur einem Tag Eskalation in Granada begannen die Leute mit mässiger oder sogar ohne Not Geschäfte zu plündern, von Leuten, die wohl nicht viel mehr besitzen als sie selber. Man ging auf die eigenen Nachbarn los.
Auch wenn die Erzählung unserer Erlebnisse hier zum Teil sehr negativ klingen mag, unsere Zeit in Nicaragua war auch von tollen Erfahrungen geprägt. Wir empfanden die Nicaraguaner als ein Volk mit einer extremen Herzlichkeit und Offenheit aber auch einer höflichen Zurückhaltung, mit der wir uns extrem gut identifizieren konnten. Auch hat die Natur von Nicaragua sehr viel zu bieten und wir hätten gerne noch mehr Orte besucht. Mit der aktuellen Situation sind wir leider an den meisten nur im Auto vorbeigefahren.
Generell war unser Aufenthalt in Nicaragua eine sehr lehrreiche Erfahrung und nach diesem Erlebnis wissen wir die soziale, politische und allgemeine Sicherheit, die Zugänglichkeit der Bildung und die funktionierende Basisdemokratie der Schweiz umso mehr zu schätzen.

 

Wir haben sehr wenige Bilder von Nicaragua. Einerseits fanden wir es nicht klug mit einer DSLR (Spiegelreflexkamera) rumzulaufen oder auch unsere Smartphones zur Schau zu stellen. Wir haben noch 3 Bilder zu den Protesten aus dem Internet hinzugefügt.

Hier geht es zu den Bildern.

3 thoughts on “Nicaragua – Ein Land im Chaos

  1. Hoi Dani,habe ich das richtig intepretiert,dass Ihr die Sprachschule nicht fertig gemacht habt?
    Das heisst Ihr müsst in naher Zukunft noch einmal in eine Schule,ich würde vorschlagen in Spanien-
    Viele Grüsse
    Susi

    1. Hoi Susi, unser Blog ist immer etwa 2 Monate im Hintertreffen. Wir haben die Schule abgebrochen und sie dafür für 4 Wochen in Cartagena (Kolumbien) gemacht.
      LG Dani

  2. Hallo Nadja und Dani,
    wir haben gesehen, dass ihr vor ein paar Tagen in Salento wart – wir auch aber in Süditalien! 😉
    Wir haben viel Spass beim Lesen eures Blogs. Wir wünschen euch weiterhin eine wunderschöne Zeit!
    Viele Grüsse
    Toni, Mariann & Elio

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